Fernweh

Sabine hat auf www.ferngeweht.de eine Blogparade gestartet. Sie fragt, was Fernweh für uns bedeutet. Ein spannendes Thema, finde ich.

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Ägypten002Dabei bin ich ja nicht wirklich reisefreudig. Obwohl ich mich durchaus für fremde Länder interessiere. Mich interessieren die Menschen, ich möchte wissen, wie sie in ihrem Land leben, arbeiten, was sie essen, wie sie kommunizieren, wie sie sich freuen, trauern, feiern und reden. Dafür reichen mir die gewöhnlichen zwei Wochen Urlaub nicht. Da lese ich dann lieber Reiseführer, klicke mich durch Blogs wie den von Sabine und schaue Reportagen über ferne Länder. Vielleicht ist es auch ein wenig Bequemlichkeit. Andererseits: Ich war in Ägypten. Das war ein großer, langgehegter Traum. Als ich in den neunziger Jahren zurück nach Deutschland kam und hier wirklich gut verdiente, habe ich mir diesen Traum wahr gemacht.

Trotzdem kenne ich das Gefühl „Fernweh“ nur zu gut. Ich glaube, es liegt daran, dass ich zwei Heimatländer habe. Da ist die Sehnsucht nach dem jeweils anderen Land irgendwie vorprogrammiert. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Als ich klein war, kauften meine Eltern ein altes Bauernhaus in Burgund. Als ich dann später ganz nach Frankreich ging, war ich gerade einmal 19 Jahre alt und noch nicht wirklich „fertig“. Meine erste eigene Wohnung, mein erstes elternfreies Leben hatte ich in Frankreich. Ich bin in Deutschland groß geworden und zur Schule gegangen, meine gesamten Schulferien, oft einschließlich der Weihnachtsferien, habe ich jedoch stets in Frankreich verbracht.

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Montpellier001Als ich auszog, zog ich dann gleich 1200 km weit weg, ging nach Montpellier um dort zu studieren und später auch zu arbeiten. In Frankreich bin ich erwachsen geworden. Das war eine sehr prägende und wichtige Zeit. Ich habe dort studiert und später gearbeitet. Als ich nach Deutschland zurückkam, war ich hier nicht mehr daheim. Alles war fremd und ich habe lange gebraucht, mich wieder einzuleben. Mir fehlte eine ganz wichtige Zeit. Mir fehlten die Musik und die Filme von zehn Jahren und von meinen Schulkameraden war auch niemand mehr da. Ich hatte den Mauerfall verpasst und die Kohl-Ära bekam ich nur noch in ihrem Endstadium mit.

Schön ist, dass ich mich heute in zwei Ländern, zwei Sprachen, zwei Kulturen zuhause fühle. Wenn ich bei Freunden gelegentlich die Dinge „zu eng“ sehe, weisen die Franzosen mich zurecht, „fais pas ton allemande“. Wenn ich die in meinen Augen völlig übertriebene Ernsthaftigkeit gewisser Situationen einfach nicht begreife, schimpfen deutsche Freunde mit mir und meinen „das kannst du nicht verstehen, als Franzose“. Selbst meine Tochter ist hin und wieder verwirrt und hat lange Zeit nicht verstanden, welche der beiden Sprachen, die wir zuhause sprechen, denn nun meine Muttersprache ist?

Waren franzNoch heute bringe ich mir meinen Kaffee, mein Duschgel und meinen Rohrzucker aus Frankreich mit. Auch meine handschriftlichen Notizen mache ich am liebsten auf französischer Lineatur. In Frankreich fehlen mir dann hingegen irgendwann mein Tee, das Griebenschmalz oder meine Zahnpasta.

Deshalb ist das Fernweh mir so vertraut – es ist die stete Sehnsucht nach meiner eigenen zweiten Heimat. Aber ich habe ein gutes Mittel dagegen: meine französischen Nachbarn, Freunde und Kollegen, meine Arbeit und jetzt auch noch diesen Blog!

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2 Gedanken zu „Fernweh

  1. Ich kann das ein bisschen nachempfinden; zwar war ich nur ein Jahr lang in Kalifornien, fühlte mich aber noch Jahre später innerlich zerrissen, vermisste die Offenheit, den Optimismus, die Begeisterungsfähigkeit, die ich dort erlebt hatte. Dafür hatte ich in CA die schwäbische Zuverlässigkeit, die Pünktlichkeit und viel deutsches Essen und Trinken vermisst. Aber es ist doch wunderbar, in mehreren Kulturen Wurzeln schlagen zu können und – wenn ich an die Mauer denke – reisen zu können, wohin man will! – Danke für diesen inspirierenden Denkanstoß.

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