Aller Anfang ist schwer – 10 Tipps für den Einstieg in die Selbständigkeit

Schreibversuch

Jeder hat irgendwann einmal angefangen. Die meisten wissen wahrscheinlich auch noch, dass das nicht immer wirklich einfach war. Als ich mich 1996 selbständig gemacht habe, gab es noch kein Internet. Die Aufträge kamen mit der Post, per Fax auf Thermopapier oder, wenn es ganz modern zuging, per Modem. Literaturübersetzungen wurden per Diskette an den Verlag zurückgeschickt, die Fahnen kamen auf Papier und nicht per pdf-Datei. Allerdings gab es auch damals schon Stammtische und Berufsverbände. Recherchieren musste ich hingegen in der Uni-Bibliothek. In den letzten 20 Jahren ist vieles einfacher geworden. Eines aber hat sich seit damals nicht verändert: als Anfänger steht man meist erst einmal ziemlich alleine da. Damit sich das möglichst schnell und erfolgreich ändert, hier ein paar kleine Tipps, die den Einstieg vielleicht erleichtern können.

1.                  Existenzgründerseminar besuchen

Meiner Ansicht nach ist das der erste Schritt für jeden, der eine Selbständigkeit plant. Als Geschäftsmann oder –frau (und dazu gehört jeder Selbständige) unterliegt man bestimmten Gesetzen und Vorschriften, die man kennen muss. Wer sie nicht kennt läuft Gefahr viel unnötiges Lehrgeld zu bezahlen. So gilt für Geschäftsleute im Geschäftsverkehr beispielsweise Schweigen unter bestimmten Umständen als Zustimmung. Es gibt Aufbewahrungsfristen für die verschiedenen Unterlagen, steuerliche Vorschriften, die man kennen muss und einiges mehr, was zu beachten ist, bevor man sich auf das Abenteuer „Selbständigkeit“ einlassen sollte. Existenzgründerseminare werden oft von den Arbeitsämtern angeboten und dauern meist nur einen einzigen Tag.

2.                  Businessplan erstellen

Die meisten Übersetzer sind selbständig. Festanstellungen sind rar gesät. Doch bis heute bereiten Studiengänge und Quereinstiege meist nur unzureichend auf diese Selbstständigkeit vor. Diejenigen, die eine staatliche Förderung zur Existenzgründung beantragen wollen, müssen in jedem Fall einen Businessplan erstellen. Doch auch allen anderen kann ich diese, zugegeben etwas mühselige Arbeit nur empfehlen. Im Businessplan wird die eigene Geschäftsidee ausgearbeitet. Hier ist es erforderlich eigene Stärken und Schwächen zu analysieren, sich Gedanken zu machen, welche Kunden man ansprechen möchte und einen ersten Finanzplan aufzustellen. Erste Hinweise zur Erstellung eines Businessplans finden sich auf der Internetseite des BDÜ Landesverbands NRW.

3.                  Kontakt zu Kollegen aufnehmen – Netzwerken

Ganz wichtig – und das nicht nur am Anfang – ist der Kontakt zu Kollegen. Ich persönlich bekomme noch heute viele meiner Aufträge und Neukunden über Kollegen. Besonders gut geeignet sind dafür Stammtische, die es inzwischen in vielen Städten gibt. Listen der verschiedenen Übersetzer- und Dolmetscherstammtische kann man im Internet finden, insbesondere auf den Seiten der verschiedenen Berufsverbände.
Daneben bieten die verschiedenen Internetforen und –listen ebenfalls eine gute Möglichkeit, Informationen einzuholen, Kollegen kennen zu lernen und sich selbst zu positionieren, indem man sein eigenes Wissen ebenfalls zur Verfügung stellt. Eine recht umfangreiche Liste der verschiedenen Übersetzerforen findet sich auf der Seite von Bruno Aeschbacher.

4.                  Unterstützung durch einen Berufsverband

In Deutschland gibt es inzwischen mehrere Berufsverbände für Übersetzer und Dolmetscher. Hier bietet sich die Möglichkeit zu Fortbildungen und Weiterbildungen. Natürlich sind diese Veranstaltungen auch wieder eine Gelegenheit, mit Kollegen in Kontakt zu kommen. Als Übersetzer arbeiten wir meist von zuhause aus, haben keinen direkten Kontakt zu unseren Kollegen und vor allem keine Struktur, die unsere Interessen vertritt. Diese Struktur bietet sich durch die Berufsverbände. Jungen Kollegen kann ich zudem nur empfehlen, sich selbst auch aktiv in die Arbeit ihres Berufsverbandes einzubringen – auch das ist eine Möglichkeit, sich zu präsentieren, Kontakte zu knüpfen und langfristig Kunden zu akquirieren, während man gleichzeitg noch etwas für den eigenen Berufsstand tut und durch die Verbandsarbeit wertvolle Erfahrungen sammelt.

5.                  Eigene Stärken und Grenzen (er)kennen

Auch wenn wir unsere Stärken und Grenzen natürlich erst im Laufe der Jahre und der Erfahrung wirklich endgültig kennenlernen und diese sich mit der Zeit auch verändern und verschieben können, ein wenig Gedanken hierzu sollten wir uns schon von vorneherein machen. Das betrifft nicht nur die Fachgebiete, in denen wir uns als Übersetzer bewegen wollen (und können), sondern auch alle anderen Bereiche unserer Selbständigkeit. Wenn ich weiß, dass ich mich mit Zahlen und Berechnungen schwertue, kann ich mir frühzeitig einen Steuerberater suchen, der meine Buchhaltung für mich übernimmt. Vielen fällt auch die Akquise schwer. Wer weiß, dass er hier Schwierigkeiten hat, der kann frühzeitig ein entsprechendes Seminar oder einen VHS-Kurs belegen.

6.                  USt-ID beantragen

Wer Rechnungen stellt, muss seine Steuernummer angeben. Hierfür kann er allerdings auch die Umsatzsteueridentifikationsnummer verwenden, die ansonsten für den innergemeinschaftlichen Geschäftsverkehr benötigt wird. Im Gegensatz zu der „normalen“ Steuernummer, kann die USt-ID nicht von Dritten missbraucht werden, um damit unbefugt Informationen einzuholen. Als Übersetzer werden wir aber früher oder später mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit auch Kunden im EU-Ausland haben. Spätestens dann benötigen wir diese Nummer sowieso. Beantragt wird die USt-ID form- und kostenlos beim Bundeszentralamt für Steuern.

7.                  Professioneller Außenauftritt

Als Freiberufler ist man eigentlich immer „im Dienst“. Jede Begegnung kann zu einem potenziellen Akquisegespräch werden. Manchmal trifft man völlig unvorhergesehen Menschen, die beruflich interessant sein könnten. Dann ist es wichtig, gut vorbereitet zu sein. Man sollte also stets Visitenkarten zur Hand haben. Diese sollten allerdings meiner Ansicht nach professionell gestaltet sein und nicht aus einer Online-Druckerei stammen. Auch Briefpapier sollten wir nicht selber basteln. Wenn wir als Profi wahrgenommen werden wollen, dann müssen wir auch nach außen zeigen, dass wir Profis sind. Natürlich kosten Visitenkarten und Briefpapier Geld – aber für den Anfang reicht hier ja auch erst einmal eine kleine Anzahl. Auch eine Internetseite ist eine Möglichkeit, eine „Visitenkarte“ zu hinterlassen. Meine eigene Internetseite ist gewissermaßen mein öffentlicher „Lebenslauf“, auf den ich potenzielle Kunden verweisen kann, die mehr über mich erfahren möchten. Ich persönlich denke, dass auch eine solche Seite professionell gestaltet werden sollte. Ansonsten machen wir es ja nicht anders als die Kunden, die meinen, sie könnten auf eine professionelle Übersetzung verzichten, schließlich spricht der Sohn ja ebenfalls fließend englisch und kann das genauso gut …

8.                  Preise nicht zu niedrig ansetzen

Die Preiskalkulation ist insgesamt ein sehr umfangreiches und komplexes Thema, zu dem es ganz sicherlich noch mal einen ausführlichen Artikel geben wird. Wichtig an dieser Stelle ist mir folgendes: Übersetzungen werden im Allgemeinen nach Zeilen Zieltext, Worten Ausgangstext oder Normseiten abgerechnet. Welche Abrechnungsmethode man wählt ist im Grunde unerheblich. Wichtig ist, welchen Stundensatz man damit erzielt. Ein Anfänger, der einen Immobilienvertrag übersetzt, wird dafür sehr viel länger brauchen als ich. Er wird also automatisch einen niedrigeren Stundensatz erzielen, als ich ihn erhalte. Deswegen gibt es keinen Grund, weshalb nicht auch der Anfänger bereits die Sätze des JVEG anwenden sollte – für einen editierbaren normal schweren Text wären das gegenwärtig 1,55 € pro Normzeile. Während ich damit problemlos meinen gewohnten Stundensatz erzielen werde, wird ein Berufsanfänger wahrscheinlich doppelt so lange dafür brauchen und damit nur die Hälfte meines Stundensatzes bekommen. Die Tatsache, dass er Anfänger ist, schlägt sich also in seinem Stundensatz nieder – keinesfalls aber in seinem Zeilenpreis!

9.                  Aufträge nachkalkulieren

Nach 20 Jahren kann ich heute meist ganz gut einschätzen, wie lange ich für einen Auftrag brauchen werde. Das vereinfacht die Kalkulation. Dass ich das heute so gut einschätzen kann, liegt aber auch daran, dass ich bei jedem Auftrag den benötigten Zeitaufwand genau festgehalten habe. Damit kann ich nach Auftragsbeendigung meinen Stundensatz errechnen. So weiß ich, ob meine Anfangskalkulation richtig war und kann diese Erkenntnis dann für die nächste Auftragskalkulation verwerten.

10.               Korrekte Rechtschreibung – immer und überall

Sofern der Tipp, sich möglichst viel in Foren und auf Listen zu bewegen berücksichtigt wurde, sollte man gerade hier ganz besonders auf korrekte Rechtschreibung und eine sorgfältige Ausdrucksweise achten. Der Austausch in Foren führt ja dazu, dass man einander besser kennenlernt. Im Grunde befindet man sich hier in seiner Eigenschaft als Übersetzer gewissermaßen auf dem Präsentierteller. So, wie im realen Leben der erste Eindruck oft entscheidet, so entscheidet er gewissermaßen auch in der virtuellen Welt. Nur, dass es hier nicht unsere Nase oder unser Kleiderstil sind, die diesen ersten Eindruck hinterlassen, sondern eben unsere Ausdrucksweise und unsere Rechtschreibfähigkeit.

Das war jetzt eine kleine Kurzzusammenfassung. Sicher gibt es noch viel mehr Tipps, die für Anfänger hilfreich sein können. Und natürlich wäre zu jedem einzelnen Punkt noch viel mehr zu sagen, weswegen es zu einigen Themen sicher später noch den einen oder anderen Artikel geben wird.

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